NOWROOZ, Persien
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NOWROOZ – Das Fest der Erneuerung

Die Vorbereitungen für Nowrooz fangen schon ca. 2 Wochen vorher mit dem Aussähen von Weizen-, Gerste- oder Linsensamen aus, die sich im Laufe der 2 Wochen zum „Sabzeh“ entwickeln. 

Haft Sin Sabzeh Labsal

Sabzeh ist somit gekeimter Weizen, Gersten oder -Linsen und ein Bestandteil des Haft Sins und symbolisiert Munterkeit und Lebendigkeit. An Nowrooz soll alles Alte durch Neues ersetzt werden. Meine Mutter war damit beschäftigt das Haus gründlich zu putzen. Wir wurden alle von Kopf bis Fuß neu eingekleidet. Denn in das Neue Jahr sollen wir nur mit neuen Sachen starten. Nach Chahrschanbeh suri waren wir unterwegs, um die letzten Vorbereitungen für Nowrooz zu treffen. Auf den Märkten in Tehran wurden alle Bestandteile für den Haft Sin angeboten. Es hat mir Spaß gemacht, Goldfische in Aquarien oder Plastikschüsseln anzuschauen und die schönsten Fische für unser Haft Sin auszusuchen.

Haft Sin Sonbol Labsal

Der Geruch von Samanu und Hyazinthen durchtränkte den ganzen Markt.

Chiasamen Drink 4

Hier tranken wir auch gerne den Sharbate tokhme sharbati – ein persischer Chiasamen Frühlingstrunk bestehend aus 7 Zutaten.

Persische Rosettenwaffeln - Nan Panjereeh Labsal 7

Die Bäckereien waren gefüllt mit den herrlichsten Süßigkeiten und meine Lieblingssüßigkeit zur Nowrooz ist nach wie vor Nan Panjereeh, das sind persische Rosettenwaffeln. Das Rezept hierfür findest du hier. Now bedeutet Neu und Rooz der Tag – ein neuer Tag. Es ist das älteste Fest, das es überhaupt gibt. Seit 2500 Jahren wird dieses Fest gefeiert und wurde 2010 deshalb von der UNESCO auf die Liste des Menschheitskulturerbes gesetzt. Das persische Neue Jahr beginnt genau am Zeitpunkt des Equinox, d. h. an Tages- und Nachtgleiche. An diesem Tag sind fast überall auf der Welt Tag und Nacht ungefähr gleich lang. Dies kann entweder auf den 20. oder 21. März fallen. Nun hat sich die Erde einmal um die Sonne gedreht und es ist Frühlingsbeginn. Den Frühlingsbeginn kann man auf die Sekunde genau berechnen. Nicht nur der Tag kann variieren, sondern auch die Uhrzeit an dem dies geschieht. Dieses Jahr ist der Frühlingsbeginn und somit unser Jahreswechsel am 20.03.16 um 5:30:12 Uhr. Mein Vater hat jedes Jahr einen Wecker auf unseren Haft Sin gestellt. Wir versammelten uns am Neujahr um den Haft Sin herum, und wenn der Wecker klingelte  wussten wir, das das neue Jahr angefangen hat. Die Feierlichkeiten dauern 13 wundervolle Tage. Bevor das neue Jahr beginnt, gibt es einige Rituale die durchgeführt werden.

Khane Takany Nowrooz Labsal

KHANEH TAKANI

ist der persische Frühjahrsputz – Khaneh bedeutet das Haus und Takani ruckeln. Also wird das Haus kurz vor Nowrooz komplett durch gerüttelt und geschüttelt. Alle Häuser werden geputzt, die Hauswände neu gestrichen, die Fensterscheiben geputzt, die Teppiche gereinigt. Als ich klein war, haben wir alle Perserteppiche in den Hof getragen und mit Wasser abgespült und eingeseift. Danach sind wir Barfuß auf den Teppichen herum geschlittert und hatten eine Menge Spaß. Wir sind so lange herum geschlittert bis die Teppiche unter unseren Füßen wieder gestrahlt haben. Der Geruch von Wasser, Seife und Wolle ist eine schöne Kindheitserinnerung. Die Teppiche wurden in der Sonne getrocknet und dann wieder ins Haus gebracht.

CHAHARSCHANBEH SURI

Der Dienstag Abend vor dem persischen Neujahr wird als Feuerfest gefeiert. Chaharschanbeh bedeutet Mittwoch und Suri Licht und auch Feuer. Zum Thema Chaharschanbeh suri schaut doch mal hier vorbei.

Haft Sin Nowrooz Labsal

SORFREYEH HAFT SIN

Sofreh ist ein persisches Tischtuch. Auf diesem Tischtuch werden 7 Symbolträchtige Bestandteile aufgetischt, die im persischen mit dem Buchstaben „S“ beginnen. Die Zahl Sieben ist eine heilige mystische Zahl. Zum Haft Sin gibt es hier einen schönen Beitrag.

Toot Nowrooz Labsal 6

SAL E TAHVIL – Die Zeremonie des Jahreswechsels

Körperreinigung – diese wurde zu früheren Zeiten nach einer bestimmten Vorgabe ausgeführt. Die Perser versammelten sich an fließende Gewässer um sich zu waschen und einander mit Wasser anzuspritzen. So wurde der Körper symbolisch von Sünden bereinigt. Auch Seelenqualen sollten dadurch beseitigt werden. Heutzutage sieht man diese Prozedur nur noch in kleineren Dörfern in den Bergen. In der Stadt stellen sich alle unter die Dusche. Wir zogen uns unsere neuen und frischen Kleider an und versammelten uns alle um den Haft Sin. Mein Vater hat für jeden Einzelnen von uns aus dem Divan von Hafez vorgelesen. Dies galt als Vorhersage, wie sein Jahr sich gestalten wird. Und so warteten wir gemeinsam auf den Jahreswechsel. Auf unserem Haft Sin stand ein Wecker auf einem Spiegel und sobald der Wecker ertönte wussten wir, das Neue Jahr hat angefangen. Wir besprühten uns mit Rosenwasser. Wir Kinder mussten den Älteren zuerst gratulieren. Harozetan nowrooz, nowrozetan pirouz. Jeder Tag soll ein neuer Tag sein und der Tag möge gesegnet sein. Wir umarmten und küssten uns. Die Älteren beschenkten uns mit Süßigkeiten wie Nogl um unseren Mund zu versüßen. Mein Vater legte in das Buch des Dichters Hafez etwas Geld,  ist dann durch den Raum gelaufen und jeder von uns durfte sich einen Schein aus dem Buch heraus nehmen. Das Beschenken nennt sich Eidy. In den kommenden Tagen, wenn wir die Verwandtschaft besuchten, bekamen wir auch Geldscheine und manchmal auch Goldmünzen geschenkt. Ich erinnere mich, wie mein Onkel mir eine persönliche Widmung auf eine der Scheine geschrieben hat. Zum Essen gibt es bei uns zu Hause traditionell Kräuterreis mit Orangen gefüllte Forellen – Sabzi Polo ba Mahi.

HADJI FIRUZ

ist eine Art persischer Weihnachtsmann. Er ist in leuchtendrot gekleidet und sein Gesicht ist schwarz bemalt. Das schwarz bemalte Gesicht symbolisiert Glück und die rote Kleidung das heilige Feuer. Er zieht mit seinen Musikern durch die Straßen, sagt Gedichte auf, singt und tanzt und verkündet den Beginn des Frühlings an. Mit seinen lustigen Liedern bringt er die Menschen zum Lachen und vertreibt Kummer und Sorgen.

Haft Sin Bellis Labsal 1

DID VA BAZDID 

bedeutet besuchen und besucht werden. In den kommenden 12 Tagen besucht man Verwandte und Freunde. Die jüngeren besuchen zuerst die Älteren und an einen späteren Zeitpunkt empfängt man sie wiederum. Die Besuche sind immer sehr kurz gehalten. Die persischen Familien sind meist Großfamilien, damit man alle in den nächsten Tag auch besuchen kann, hält man das Treffen sehr kurz. Damit man auch an einem Tag drei oder vier aus der Verwandtschaft besuchen kann. Es wird getrunken, gegessen, beschenkt, getanzt und gesungen. Hier findet ihr ein Rezept für Toot– ein persisches Marzipangebäck.

SIZDAH-BEDAR – die 13 los werden

Am 13 Tag des Nowrooz wird es auch sehr deutlich, das es sich um ein Fest der Natur, der Familie und der Erneuerung handelt. Wir ehren die Natur, indem wir sie aufsuchen, unsere Zeit in ihr verbringen und uns entspannen. Wir holen aus der frischen und erblühenden Natur neue Energie und Erholung für den Beginn des neuen Jahres. Wie in vielen anderen Ländern ist die 13 eine Unglückszahl und wir wollen die 13 los werden. Dafür unternehmen wir einen Ausflug in die Natur. Die ganze Familie kommt zusammen und es wird ein Picknick gemacht.

Der Haft Sin wird abgebaut, die Münzen werden an uns Kinder weitergegeben und das Sabzeh wird zum Picknick mitgenommen. Das Aufregendeste war für mich als Kind, wenn wir anfingen das Auto voll zu laden mit Köstlichkeiten, die meine Mutter, Verwandte und Freunde zubereitet hatten. Das dauerte gefühlte Stunden, denn wirklich sehr sehr vieles musste mit. Der Grill, die Kohle, der Wasserkocher, die Teekanne, die Shisha, Musikinstrumente, Sitar, Tombak, Teppiche, Decken und Kissen wurden eingepackt. Für uns Kinder wurden Brettspiele, Backgammon, Seile, Gummitwist, Kartenspiele, Bälle mitgenommen. Wenn alles verstaut war, wurde unser Sabzeh vorne auf die Motorhaube gebunden und wir sind hupend durch die Stadt gefahren. Mit Tausende andere hupende Fahrzeuge, mit Verwandte und Freunde im Convoy.

Wir sind meistens Richtung Berge gefahren und haben uns eine Lichtung an einem wild tosenden Bach zum Picknicken gesucht. Ich kann mich noch an die Lautstärke erinnern, warst du schon mal an einem Bach in den Bergen unterwegs, dann weißt du wie laut Wasser sein kann. Mein Papa liebte Picknicks in der unberührten Natur, das habe ich wohl von ihm geerbt. Sobald wir ankamen, wurde alles wieder aus dem Auto geräumt. Der Teppich wurde ausgerollt und mit Decken und Kissen gemütlich hergerichtet. Die Shisha und das Backgammon wurden auf dem Teppich bereit gestellt, zum geselligen Spielen und paffen. Der Grill wurde angeschmissen, sobald die Kohle glühte stellte mein Vater den Wasserkessel und die Teekanne auf und brühte den leckeren persischen Tee.

Das Schönste, worauf ich mich am Meisten freute, war das große Seil, welches mein Vater immer mitgenommen hat. Er hat 2 Bäume gesucht, die nebeneinander waren aber dennoch genügend Abstand zu einander hatten. In Kletter- und Wurfaktionen hat er das Seil zu einer Schaukel verwandelt, ein Kissen darauf gelegt und ich konnte los schaukeln. Mitten in der Natur mit Blick in den wild dahin tosenden Bach, Kopf nach unten in die Baumkronen schauend und die Füße in der Luft. Der Duft der frisch knospenden Pflanzen und der erdige Geruch des Bodens. Der warme Wind wehte um meine Nase und ich fühlte mich wie eine Prinzessin. Danke lieber Papa für diese schönen Momente, die du mir in der Kindheit beschert hast.

Es wurde gegrillt und gegessen, hier findest du ein Rezept für Djudje Kabab. Mein Vater und Freunde griffen zu den Musikinstrumenten und wir fingen an zu singen und zu tanzen. Alle stellten sich in einen Kreis,  eine und auch mal zwei Personen wurden in die Mitte gefordert um zu tanzen und die im kreisstehenden haben dazu geklatscht.

Ein lustiger Brauch ist es die anderen an diesem Tag hereinzulegen. Man spielt dem anderen Streiche oder erzählt erfundene Geschichten. Das Sabzeh wurde von den Autos herunter genommen. Damit sich die Wünsche im neuen Jahr erfüllen wurden in den Halmen einen festen Knoten gemacht. Die unverheirateten Mädchen machten einen Knoten in die Gräser, den es bringt Glück in der Liebe und soll im kommenden Jahr den richtigen und passenden Partner bringen. („Saale digar, khaneye shohar, bache be baghal“) was bedeutet: nächstes Jahr, im Hause des Ehemanns mit einem Kind auf den Arm. Das Sabzeh wurde dann in den tosenden Bach geworfen. Mit ihrem davon schwimmen soll auch alles Schlechte, Sorgen, Krankheiten, Schmerzen und Verbrauchte aus dem alten Jahr verschwinden. Es soll Unglück bringen, das Sabzeh eines anderen zu berühren, weil das Sabzeh 13 Tage lang im Hause des anderen deren Krankheiten und Sorgen aufgenommen hat. Dies Alles würde dann auf uns übertragen werden. Am Schluß lummerten wir uns alle erschöpft und erfüllt auf den Teppichen und spielten Karten oder Backgammon bis es anfing zu dämmern und wir wieder zurück nach Hause fuhren.

Ich wünsche allen persischen Lesern ein glückliches neues Jahr und

Haroozetan nowrooz, nowrezetan pirouz.

Herzlicht

 

HERZ <3 LICHT

Susan

 

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